Vor etwas mehr als drei Jahren habe ich mein erstes Buch Rocke Dein Leben veröffentlicht. Es war im zweiten Corona-Jahr. Als ich im ersten Jahr plötzlich mehr Zeit hatte, weil Treffen mit Freunden oder meine Chorproben wegfielen, nutzte ich die gewonnene Zeit und begann mein Buch zu schreiben. Das Buch ĂŒber meine persönliche Geschichte. Ein Jahr spĂ€ter war es fertig. Wer weiĂ, ob ich ohne die auferlegte Auszeit ĂŒberhaupt angefangen hĂ€tte, meinen Wunsch zu erfĂŒllen und BĂŒcher zu schreiben.
Aber mit diesem Buch fing alles an.
Ich wollte schon immer schreiben, habe es aber nie richtig verwirklicht. Vielleicht, weil ich dachte, dass ich nicht gut genug sei. Vielleicht aber auch einfach, weil ich nicht wusste, wie anfangen. Der erste Schritt ist so oft der schwerste.
Wenn ich eine Aufgabe vor mir habe, dann sehe ich zunĂ€chst einen riesengroĂen Berg. Ein Berg, dessen GröĂe und Gewicht schwer auf mir lastet. Ich kann mir nicht vorstellen, diesen Berg an Arbeit jemals ohne Zeitdruck und Stress zu bewĂ€ltigen und zögere es deshalb hinaus, den ersten Schritt zu machen. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie der erste Schritt aussehen könnte oder besser gesagt, ich habe Angst davor den falschen Schritt zu machen.
Und da ist er wieder, der mir innewohnende Perfektionismus. Der Perfektionismus, der mir sagt, dass ich alles sofort erledigen muss, weil es sonst vielleicht zu spĂ€t sein könnte. Aber zu spĂ€t wofĂŒr? Zu spĂ€t fĂŒr Anerkennung? Zu spĂ€t fĂŒr bewundernde Blicke? Zu spĂ€t dafĂŒr, als Autorin bekannt zu werden? Zu spĂ€t, meine Erwartungen und unausgesprochenen Versprechen mir gegenĂŒber einzulösen?
Es ist ein innerer Drang, eine Leidenschaft, die mich drĂ€ngt, all meine Ideen umzusetzen. Wie bei Hermine. Ja, die aus Harry Potter. Hast du die Geschichte in Erinnerung, in der sie die Zeit mit einem Stundenglas zurĂŒckdreht? Sie möchte viele Vorlesungen besuchen, die sie interessieren. Sie möchte gute Leistungen abliefern und so viel Wissen wie möglich in sich aufsaugen. Aber diese Vorlesungen finden gleichzeitig statt. Sie kann sie also nicht alle besuchen.
Oder kann sie es vielleicht doch? Mit dem Stundenglas erfĂŒllt sie sich ihren Traum. Nachdem sie die eine Vorlesung besucht hat, dreht sie ihre Uhr um eine Stunde zurĂŒck und hört sich die nĂ€chste Vorlesung an. Was sie dabei aber nicht bedacht hat, ist die Arbeit, die sie neben den Vorlesungen noch leisten muss: Hausarbeiten schreiben. Und zwar in jedem Fach. Wie gut ich das kenne: Ich schiebe noch schnell eine vermeintlich kleine Aufgabe dazwischen, es geht ja schnell, und schwuppdiwupp stellt sich heraus, dass da noch eine kleine Idee dazu kommt und noch eine undâŠ
Hermine hat es also geschafft, all das Wissen gleichzeitig mitzunehmen, aber wie soll sie in der verbliebenen, einfachen Zeit die mehrfache Arbeit erledigen? Auch hier könnte sie natĂŒrlich die Zeit zurĂŒckdrehen, aber irgendwie will sie ja auch am normalen Fluss des Lebens teilhaben und Zeit mit ihren Freunden verbringen.
Es kommt, wie es kommt, sie ist letztendlich völlig ĂŒberfordert und muss auf die Bremse treten. Sie muss die Erwartungen an sich herunterschrauben und auch das Heischen nach Anerkennung von auĂen. Aber das ist so schwer, wenn man seiner Leidenschaft folgen möchte. Weil man Angst davor hat, sie ganz aufgeben zu mĂŒssen, wenn man ihr nicht ganz und gar mit Haut und Haar folgt. Man hat den Wunsch, nur etwas mehr Zeit fĂŒr die Leidenschaft zur VerfĂŒgung zu haben. Deshalb presst man an jeder Ecke noch das letzte FĂŒnkchen Zeit heraus. Weshalb auch nicht? Es ist ja die eigene Leidenschaft, der man folgt.
Doch vielleicht braucht auch Leidenschaft eine kleine Verschnaufpause. Aber was heiĂt âkleinâ? Wie lange darf ich verschnaufen, ohne meine Leidenschaft aufzugeben? Wer legt diese Zeitgrenzen fest? Einerseits ist es einfach der aktuelle Alltag. Es gibt Dinge, die sind zu tun. Es gibt Menschen, mit denen ich Zeit verbringen möchte. Und es gibt aber auch mich, die Zuwendung braucht, die ihre Leidenschaften leben und auch einfach mal nichts tun möchte. Nur wie ist das zu bewerkstelligen?
Es ist ein groĂer Berg, den es zu erklimmen gilt.
Ist er das wirklich? Ist er wirklich so groĂ? Können es nicht vielleicht auch mehrere kleine Berge sein, hinter denen sich immer wieder neue Ăberraschungen auftun, die nicht planbar sind? Kann ich aufhören mir ĂŒber den nĂ€chsten kleinen Berg Gedanken zu machen und zunĂ€chst nur den Weg zum ersten Berg gehen? Und wie ist das mit dem Weg? BlĂŒhen rechts und links des Weges nicht Blumen, die schön anzusehen sind, die wundervoll duften, in denen Bienen schwirren und ĂŒber denen BĂ€ume wachsen, auf denen Vögel zwitschernd in den Sonnenaufgang hinter dem Berg schauen?

Ich bin immer auf der Suche nach dem optimalen Zeitplan fĂŒr mein Leben, um alles, was ich so tun möchte, irgendwie unterzubringen. Nein, das stimmt nicht. Ich war auf der Suche nach diesem Zeitplan. Denn diese optimierte Planung, nur um alles unterzubringen, ist nichts fĂŒr mich. Ich habe es versucht. Ich dachte, es gibt keinen anderen Weg, um alles zu erreichen, was ich erreichen möchte. Wird nicht immer davon geredet, dass perfektes Zeitmanagement alles ist?
Aber Herrgott nochmal, wie soll das denn gehen, wenn ich bunt und frei leben möchte? SchlieĂt sich beides aus? Sind bunte und freie Menschen willenlos und haben ihr Leben nicht im Griff? Vielleicht đ Ist es denn wichtig, das eigene Leben komplett im Griff zu haben? Ist es möglich, von einem Tag auf den anderen zu leben, jeden Tag neu zu entscheiden, was der nĂ€chste Schritt ist und gemĂŒtlich auf den Sonnenaufgang zuzugehen? Tief in meinem Herzen bin ich von diesem gechillten Leben ĂŒberzeugt und möchte es genau so leben. Und mein Kopf darf in diesem Fall einfach auf mein Herz hören und ihm vertrauen, dass alles so ist, wie es sein soll.

Und das sagt die Planerin vor dem Herrn. Diejenige, die ihre Ziele jedes Jahr aufs Neue festlegt, um sie zu erreichen. Aber wahrscheinlich schlieĂt das eine das andere eben doch nicht aus. Weshalb nicht alle Gaben nutzen: Das gechillte Herz, meine Leidenschaft, die FĂ€higkeit, meine Ziele und WĂŒnsche zu erkennen, sie zu erreichen und zu erfĂŒllen und mein Vertrauen.
Aber nun zurĂŒck zum Anfang der E-Mail, zum Betreff. Da steht âNeuer Lookâ. Was hat das denn mit diesem Text zu tun, den ich dir geschrieben habe? Nun ja, eigentlich wollte ich dir nur erzĂ€hlen, dass mein Buch Rocke Dein Leben nach drei Jahren ein Make-Over erhalten hat, es jetzt bunter aussieht und du es jetzt auch als Hardcover kaufen kannst. Aber wie das Leben eben so spielt, es fliegen bunte Schmetterlinge ĂŒber den Weg, die einen vom eigentlichen Weg ablenken und dann bleibt einem nichts Anderes ĂŒbrig, als ihnen zu folgen und zu trĂ€umen.
